Nationalpark Rothaarkamm als Chance für den Tourismus
Vortrag über Wertschöpfung, Lebensqualität und nachhaltige Regionalentwicklung
„Ein Nationalpark schafft nicht nur ganz direkt neue Arbeitsplätze, sondern sichert auch langfristig die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes“ – das war eine der zentralen Aussagen im Rahmen einer Informationsveranstaltung des Kreises Siegen-Wittgenstein, die jetzt im Kulturhaus Lÿz stattgefunden hat.
„Ein Nationalpark schafft nicht nur ganz direkt neue Arbeitsplätze, sondern sichert auch langfristig die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes“ – das war eine der zentralen Aussagen im Rahmen einer Informationsveranstaltung des Kreises Siegen-Wittgenstein, die jetzt im Kulturhaus Lÿz stattgefunden hat. Vertreter der Nationalparkregion Kellerwald-Edersee und von Tourismus NRW erläuterten, welche Impulse ein Nationalpark für Tourismus, regionale Wertschöpfung und die Entwicklung ländlicher Räume geben kann.
Als Beispiel verwies Dr. Heike Döll-König, Vorsitzende des Vorstands von Tourismus NRW, auf den Nationalpark Eifel. Dort sichert der Nationalpark heute rund 1.350 Vollzeitarbeitsplätze und ist zudem für etwa jeden zweiten Gast der Anlass seines Besuches. Regionale Marken, zertifizierte Gastgeber und Umweltbildungsangebote haben die touristische Entwicklung vor Ort nachhaltig gestärkt. Damit sei der Nationalpark zu einem wichtigen touristischen Aushängeschild der Region geworden.
Der Nutzen eines Nationalparks beschränke sich jedoch nicht allein auf den Tourismus, betonte Döll-König: „Eine attraktive Natur- und Erholungslandschaft erhöht die Lebensqualität der Menschen vor Ort und kann im Wettbewerb um Fachkräfte ein wichtiger Standortvorteil sein. Auch neue Arbeitsformen wie sogenannte Workation-Angebote können ländlichen Regionen künftig zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.“ Natur werde zunehmend auch für Unternehmen zu einem wichtigen Faktor – etwa für Gesundheitsangebote oder Teamentwicklung.
„Die Erfahrungen aus anderen Nationalparkregionen sind für unseren Beteiligungsprozess besonders wertvoll. Sie verdeutlichen, welche Potenziale sich für unsere Region eröffnen können, machen aber ebenso deutlich, welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen“, sagt Landrat Andreas Müller. „Genau diese Erkenntnisse möchten wir transparent in den Beteiligungsprozess einbringen und damit eine fundierte Grundlage für die öffentliche und politische Debatte über einen möglichen Nationalpark schaffen.“
Entwicklung des Nationalparks Kellerwald-Edersee
Welche Potenziale ein Nationalpark langfristig entfalten kann, zeigten Michaela Kuhnhenn und Klaus Dieter Brandstetter vom Touristik Service Waldeck-Ederbergland anhand der Entwicklung des Nationalparks Kellerwald-Edersee. Sie berichteten, dass die Region frühzeitig Kommunen, Touristiker, Verbände und Bevölkerung in den Entwicklungsprozess eingebunden habe. Seit der Ausweisung des Nationalparks seien zahlreiche neue touristische Angebote, Infrastrukturen und Kooperationen entstanden – von Nationalpark-Partnerbetrieben über Umweltbildungsangebote bis hin zu neuen Wander- und Radwegen.
Ein weiterer positiver Effekt sei die gewachsene Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region. „Die Menschen sind stolz auf ihren Nationalpark“, sagt Klaus Dieter Brandstetter. Gleichzeitig habe sich der Nationalpark zu einem wichtigen touristischen Markenzeichen entwickelt und neue Wege der regionalen Wertschöpfung geschaffen. So habe sich zum Beispiel die anfänglich kritische Haltung mancher Landwirte im Laufe der Jahre deutlich verändert. Die gestiegene Nachfrage nach regionalen Produkten und das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit hätten dazu beigetragen, dass viele Betriebe heute die Chancen des Nationalparks erkennen.
Nachhaltiger Naturtourismus wirkt weit über den klassischen Tourismus hinaus. Von einer stärkeren regionalen Vermarktung profitieren neben Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben auch Direktvermarkter, landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen. Aus Sicht der Referenten werde der Beitrag des Tourismus mit Blick auf die Wirtschaft häufig unterschätzt. So seien z.B. attraktive Natur- und Freizeitangebote ein wichtiger Standortfaktor für die die Gewinnung und Bindung von Fachkräften.
Die Erfahrungen aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee zeigen zudem, dass sich die Akzeptanz eines Nationalparks mit der Zeit deutlich verändern kann. Während einzelne Gruppen dem Vorhaben anfangs kritisch gegenübergestanden hätten, würden heute viele Menschen die Chancen für ihre Region sehen und sich mit dem Nationalpark identifizieren. Besucherlenkung, Umweltbildung und eine nachhaltige touristische Entwicklung seien dabei wesentliche Bausteine, um Naturerlebnis und Naturschutz miteinander zu verbinden.
Authentische Naturerlebnisse und regionale Wertschöpfung
Dr. Heike Döll-König machte deutlich, dass sich der Tourismus in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Entscheidend seien heute nicht mehr allein steigende Gästezahlen, sondern die Qualität des Angebots, längere Aufenthalte und eine höhere regionale Wertschöpfung.
„Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viele Gäste anzuziehen, sondern ihnen authentische Naturerlebnisse zu ermöglichen und gleichzeitig die Region nachhaltig zu stärken“, betonte sie. „Entscheidend ist, dass Menschen länger bleiben, die Region intensiv erleben und dadurch mehr Wertschöpfung vor Ort entsteht.“ Ein Nationalpark sei für Siegen-Wittgenstein eine große Chance, das vorhandene naturtouristische Profil weiter zu schärfen und die Region als attraktiven Lebensraum und Reiseziel langfristig zu positionieren.
Naturtourismus liege bundesweit im Trend. Natur und Landschaft sind der wichtigste Reiseanlass für Gäste in NRW (34 Prozent), Natur- und Nationalparks folgen mit 15 Prozent. Nach Einschätzung der Tourismus-Expertin suchen immer mehr Menschen einen Ausgleich zum digitalen Alltag. Wandern, Naturerlebnisse, Achtsamkeitsangebote oder gesundheitsorientierte Freizeitaktivitäten werden deshalb zunehmend nachgefragt.
Ein Nationalpark könne all diese Entwicklungen aufgreifen und Siegen-Wittgenstein als Region einen unverwechselbaren Charakter geben. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels könnten waldreiche Regionen wie Siegen-Wittgenstein künftig zusätzliche Potenziale ausschöpfen, wenn sie ihre touristischen Angebote konsequent weiterentwickeln.
Nach mehrmonatiger intensiver Vorarbeit durch die Kreisverwaltung hatte der Kreistag im März beschlossen, sich noch einmal mit der Frage zu beschäftigen, ob auf dem Rothaarkamm der zweite Nationalpark in Nordrhein-Westfalen entstehen kann.
Der Vortrag im Kulturhaus Lÿz war eine Veranstaltung im Rahmen dieses Prozesses. Weitere Veranstaltungen werden derzeit vorbereitet. Unter anderem findet am Donnerstag, 27. August, ein Nationalparkforum statt, an dem auch Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, teilnehmen wird.
Alle Informationen zum laufenden Nationalparkprozess, zu den Veranstaltungen und die bisher erarbeiteten Antworten der Expertenteams im Rahmen der Bürgerbeteiligung (FAQ) gibt es unter www.siegen-wittgenstein.de/nationalpark.