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Eine kurze Geschichte des Kulturhauses Lÿz

Altes Lyzeum, Medien- und Kulturhaus und schließlich Kulturhaus: Vor genau 20 Jahren ging in der Siegener St.-Johann-Straße das ambitionierte Projekt eines integrierten Medien- und Kulturhauses an den Start. Das Kultur!Büro. als „Ur-Einwohner“ der ehemaligen Schule für höhere Töchter (Lyceum) war hier bereits seit mehreren Jahren auf dem Kleinkunst-Sektor aktiv, doch mehr als sporadische Veranstaltungsabende waren aufgrund räumlich begrenzter Möglichkeiten kaum machbar. Lange galt es, dieses mit Fantasie zu kompensieren bis Politik und Verwaltung den Weg für eine Umnutzung des Gründerzeitbaus in der St.-Johann-Straße freimachten. 1996 entstand so nach einer langwierigen Umbauphase ein innerstädtisches Kulturzentrum, in dem neben einem Uni-Sonderforschungsbereich und Medienbildungseinrichtungen auch zwei Theatersäle mit hervorragend ausgestatteten Auditorien beheimatet waren.

Der Spielplan ging gleich in die Vollen. Es wurde aufgefahren, was die Bühnen hergaben, und auch der Besuch profilierter Jazzmusiker aus den USA war keine Seltenheit. Ausprobieren und ausloten war angesagt. Die Region nahm nach Jahren der erzwungenen Enthaltsamkeit viele Produktionen mit Begeisterung auf und sorgte für ein volles Haus. Selbst sonst spärlich besuchte Formate wie dadaistische Literatur oder introvertierte Folkkonzerte fanden ihre Zuschauer. Aufwändige Mischproduktionen, die an der Grenze zwischen Medien- und Kulturwirtschaft neue Akzente setzten, spielten en-suite, und auch regionale Kleinkunstproduktionen erlebten ihre erste Blütezeit.

Anfangs noch eher ein Gemischtwarenladen, der Comedy-Senkrechtstarter wie Kaya Yanar entdeckte, Michael Mittermeier einlud, kurz bevor er seinen ersten TV-Vertrag bei SAT1 unterschrieb und der auch einen gewissen Dieter Nuhr auf die Bühne holte, als ihn noch keiner kannte, konzentrierte sich das Lÿz im Laufe der Zeit auf diese Kernkompetenzen. Statt platter Comedy fand vor allem politisches Kabarett hier ein Publikum, die Tage der Satire-Ensembles gingen zu Ende (wiewohl sie aktuell auch in den bekannten Häusern eine Renaissance zu erleben scheinen), klassische Musik stellte sich schnell als unpassend für das Kulturhaus-Portfolio heraus und statt einer Handvoll Lyrik-Begeisterte zog es nun 300 Harry Rowohlt-Fans in den überfüllten Schauplatz. Sogar eine eigene Rock-Reihe wurde ins Leben gerufen und nach drei hart umkämpften Jahren wieder aufgegeben. Die Sparte Kinder- und Jugendtheater bekam mit Kultur4You ebenfalls eine eigene Reihe und konnte sich im Gegensatz zu den Rock’n’Rollern bis heute beim Publikum behaupten.

Das Medien- und Kulturhaus wurde nach dem Auszug des Sonderforschungsbereichs Bildschirmmedien und der universitären Fortbildungsakademie Medien (fam) zum reinen Kulturhaus. Doch wie andere Arbeits- oder Konsumwelten auch, hat sich auch der Kulturbereich weiterentwickelt, ist spezialisierter geworden. Statt konventioneller Kulturformen konkurrieren heute unterschiedlichste Mischungen um die Gunst der Zuschauer. Während man früher im Kabarett bestenfalls „mit oder ohne Instrument (meist Klavier)“ auftrat, gibt es heute philosophische Literatur-Comedy, Kabarett auf dem Fahrrad oder (s. Fitzek) Krimi mit Multmedia-Show. So gehen Literaturpräsentation oder auch der Jazz neue Wege. Erstere bewegt sich weg von der Wasserglaslesung, die Hape Kerkeling pointiert mit „Hurz“ aufs Korn nahm, zur Lese-Show und zum großformatigen Buchevent à la Lit Cologne. Im Jazz- und Bluesbereich (in anderen Musikstilen wie Electro, Rock, Rap, HipHop ebenso) heißt das Schlagwort vor allem extreme Ausdifferenzierung. Ob BluesRock, ElectroFolk oder Trashmetal – Musikströmungen suchen sich weltweit ihre ‚gated communities‘. Zudem werden die Zeiten sich auszuprobieren, den eigenen Stil zu finden oder gar zu perfektionieren immer kürzer. Ein Singer- Songwriter mit erstem, zufälligem Hit muss im gleichen Jahr noch die ganz großen Arenen füllen (und schafft das verblüffenderweise auch) oder ein Comedian mit fünfzehn Minuten Programm und maximal drei guten Punchlines (Pointe) wird plötzlich zum Gastgeber einer TV-Show.

Heute bringt das Lÿz jährlich rund 200 Kulturveranstaltungen auf die Bühnen. In jeder Spielzeit kommen rund 40.000 Besucher hier ins Haus. Über 800 nationale und internationale Künstler sind in kleinen und großen Shows, Konzerten oder TV-Aufzeichnungen hier aufgetreten, viele auch mehrfach. Sie haben das Lÿz in den vergangenen 20 Jahren zu einem großstädtischen Veranstaltungshaus gemacht, das sich mit seinen Programmen nicht vor den Angeboten größerer Städte verstecken muss.