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Buchprojekt: "Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein"

„Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein“ heißt eine erfolgreiche Buchreihe, die bisher aus zwei Bänden besteht. Vom ersten Buch zum Früh- und Hochmittelalter wurden mittlerweile mehr als 2.500 Exemplare verkauft. Der zweite Band beschäftigt sich mit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er trägt den Titel „An der Schwelle zur Industrialisierung 1815-1848“ und ist im Frühjahr 2023 erschienen. Im Rahmen des Jubiläums „50 Jahre Siegen-Wittgenstein“ soll nun auch der zweite Teilband zum 19. Jahrhundert verfasst werden: „Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein im preußischen 19. Jahrhundert. Im Industriezeitalter 1848-1914“. Der Kreistag hat die dafür notwendigen Voraussetzungen geschaffen.

Autor ist wieder der heimische Historiker Dieter Pfau. Gemeinsam mit Elisabeth Strautz vom Kreisarchiv hat er die für das neue Buch erforderliche Forschungsarbeit in Archiven in Berlin, Münster und der heimischen Region bereits geleistet. Jetzt geht es darum, aus all den Dokumenten erneut ein spannendes Werk zu erstellen.

  • Landrat Andreas Müller: „Ich bin mir sicher, dass die beiden Bände für die nächsten Jahrzehnte das Standardwerk sein werden, wenn es um die Geschichte von Siegerland und Wittgenstein im 19. Jahrhundert geht. Diese Bücher erzählt unsere Geschichte und erklären, wer wir als Region sind und warum wir so sind, wie wir sind.“

Der neue Band beginnt mit den turbulenten Revolutionsjahren 1848/49. Wirtschaftlich sind die 1850er Jahre vom Aufbruch ins Industriezeitalter geprägt, etwa mit den Initiativen regionaler Eisenbahnkomitees und der Siegener Handelskammer für den zügigen Eisenbahnbau. Für alteingesessene und neue Unternehmen nicht nur aus dem Montanbereich, sondern auch aus dem Maschinenbau und aus weiteren Branchen bedeutete der Anschluss an das Eisenbahnnetz das Startsignal zur Industrialisierung. Stellvertretend steht dafür die Eröffnung der Ruhr-Sieg-Strecke und die Anbindung an die Deutz-Gießener Eisenbahn im August 1861.

Während das Siegerland einen bislang nicht gekannten wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, konnte Wittgenstein daran nur indirekt teilhaben. Die Zahl der Arbeiter, die in den Nachbarkreis pendelte, erhöhte sich stetig. Die Lebensverhältnisse im ärmsten Landkreis Preußens blieben weiterhin prekär. Doch auch die im Kreis Siegen dominierenden Montan-Unternehmen konnten sich aufgrund der hohen Transportkosten der neuen Eisenbahn nur mit großer Mühe auf den nationalen und internationalen Märkten behaupten.

Die beiden Kreise entwickelten sich sehr unterschiedlich. Während die Bevölkerungszahl im Kreis Siegen zwischen 1850 und 1910 von 46.000 auf 115.000 Personen stieg, verzeichnete der Kreis Wittgenstein lediglich eine Zunahme von 21.000 auf 25.000 Einwohner.

Preußischer Handelsminister Heinrich Achenbach

Politisch folgte auf die gescheiterte Revolution eine reaktionäre Ära in Preußen, die ab 1859 von der Gründung erster politischer Parteien und dem Drei-Klassen-Wahlrecht geprägt war. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag bildeten erst die Kreise Siegen-Wittgenstein-Olpe und seit 1860 die Kreise Siegen-Wittgenstein einen gemeinsamen Wahlkreis, der ab 1866 von Heinrich Achenbach vertreten wurde. Achenbach, der im Kabinett Bismarcks von 1873 bis 1878 das Amt des preußischen Handelsministers ausübte, war im Landtag maßgeblich an der Entscheidung über die Anbindung des Kreises Wittgenstein an das deutsche Eisenbahnnetz mit der 1883 eröffneten Bahnlinie von Kreuztal über Laasphe nach Cölbe (Marburg) beteiligt.

Dank seiner reichhaltigen Erzvorkommen gehörte das Siegerland 1871 noch zu den führen-den Eisenregionen im neu gegründeten Deutschen Reich und in Europa. Diese Stellung büßte es infolge technischer Entwicklungen und zu hoher Transportkosten aufgrund der ungünstigen Verkehrslage ein. Daraus resultierte beim Eintritt in die Phase der Hochindustrialisierung um 1900 der erste große Strukturwandel des Industriezeitalters von der Eisenerzeugung hin zur Eisenverarbeitung. Diese mit einer Auffächerung und Diversifizierung neu entstehender Betriebe einhergehende Entwicklung, hatte eine Zunahme der Arbeitsplätze zur Folge. Weil nach wie vor viele Wittgensteiner zum Arbeiten ins Siegerland pendelten, trug das nun auch zu einer spürbaren Verbesserung der Lebensverhältnisse im Kreis Wittgenstein bei.

Von bürgerlich-liberal zu kaisertreu und antisemitisch

In ihrer politischen Entwicklung waren beide Kreise anfangs bürgerlich-liberal geprägt. Ab den 1870er Jahren setzten sich aber zumeist die konservativen Parteien und Kandidaten im Reichstagswahlkreis durch. Durch die mit Ausnahme von 1893 und 1897 erfolgreichen Kandidaturen des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker im Wahlkreis Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf galt der Siegener Raum über Jahrzehnte als eine Hochburg der kaisertreuen und
zugleich dezidiert antisemitischen Christlich-Sozialen-Partei.

Einzelne Kapitel im neuen Zeitspuren-Band zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts widmen sich speziell kulturellen Themen: etwa der Entwicklung des Schul- und Bildungswesens; dem in den 1870er Jahren spannungsreichen Verhältnis zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen; der Entwicklung der vergleichsweise großen jüdischen Gemeinden Wittgensteins und der kleinen Siegener Gemeinde, die 1904 mit dem Synagogenbau auch im öffentlichen Erscheinungsbild der Stadt Siegen präsent war.

Bisher erschienenen Bände weiter erhältlich

Der erste Teilband zum 19. Jahrhundert mit dem Titel „Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein im preußischen 19. Jahrhundert“ kostet 45 Euro und ist im Buchhandel erhältlich oder kann per E-Mail an „info@zeitspuren-siwi.de“ bestellt werden. Alle weiteren Informationen gibt es unter „www.zeitspuren-siwi-2.de“.  Auch das erste Buch der Reihe „Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein“, in dem es um das Früh- und Hochmittelalter geht, ist auf diese Weise bestellbar.

Unter „www.zeitspuren-siwi-2.de“ können mehr als 150 im Buch abgedruckte Karten und Illustrationen mit zwei Klicks aufgerufen, am Bildschirm vergrößert und in hoher Auflösung betrachtet werden.

Der zweite Teilband zum 19. Jahrhundert „An der Schwelle zur Industrialisierung 1815-1848“ soll vor Weihnachten 2026 in den Buchhandel kommen.


Begleitende Vortragsreihe

Im Jubiläumsjahr wird der Autor Dieter Pfau zahlreiche multimediale Vorträge zu den „Zeitspuren“ halten. Die genauen Termine finden Sie hier. Die Vortragsreihe wird Themen des ersten Teilbands und des gerade entstehenden zweiten Teilbands umfassen.