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Datum: 26.11.2025

Neues Pilotprojekt gegen den Fachkräftemangel
Forum »Internationale Ausbildung« stellt Weichen für Ausbildungsstart 2026

„Siegen-Wittgenstein braucht Auszubildende, Siegen-Wittgenstein braucht Fachkräfte! Wenn auf drei Erwerbstätige, die in Rente gehen, nur zwei junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten – einfach, weil es nicht mehr junge Leute gibt – dann ist das Problem offensichtlich“, sagt Landrat Andreas Müller. Dem möchte nun ein breites Bündnis entgegenwirken – mit dem Projekt „Internationale Ausbildung“. Schon am 1. August 2026 soll es losgehen.

Der Startschuss für das Projekt fiel jetzt (20. November) beim Forum „Internationale Ausbildung Siegen-Wittgenstein“ im Kreishaus. Mit dabei waren die IHK Siegen, die Handwerkskammer Südwestfalen, die Agentur für Arbeit Siegen, die Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd, die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege, der DGB Südwestfalen sowie die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA). In diesem Forum werden künftig alle konzeptionellen und organisatorischen Fragen zur Internationalen Ausbildung gemeinsam weiterentwickelt.

Alle Beteiligten haben ihre Unterstützung zudem durch die Unterzeichnung eines Letter of Intent (LOI) offiziell bekräftigt. Ziel des Programms „Internationale Ausbildung“ ist es, junge Menschen aus verschiedenen Ländern für eine duale Ausbildung in Siegen-Wittgenstein zu gewinnen und sie umfassend zu betreuen – analog zum Erfolgsmodell der Internationalen Pflegeschule. „Wir bereiten damit gemeinsam den Weg, um dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken und zugleich engagierten Jugendlichen aus aller Welt eine Perspektive zu bieten“, erläutert Landrat Müller.

„Wir sind eine Fachkräfteregion, in der es ganz besonders wichtig ist, junge Menschen für uns zu gewinnen“, unterstreicht Stefanie Krömer, Leiterin der Agentur für Arbeit Siegen. „Aber es wird immer schwieriger, junge Menschen für eine Ausbildung zu finden. Deshalb ist es wichtig, diesen Schritt zu gehen und auch im Ausland junge Menschen für die tollen Ausbildungschancen in der Region zu begeistern.“

Bulut Surat, Regionsgeschäftsführer des DGB in Südwestfalen, betont: „Die Kolleginnen und Kollegen brauchen unbedingt Nachwuchs in den Betrieben. Viele gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, und da brauchen wir eine stabile Fachkräftesicherung. Und die Kolleginnen und Kollegen freuen sich über jede helfende Hand im Betrieb.“

IHK-Geschäftsführerin Sabine Bechheim bekräftigt die Bedeutung des Projekts: „Siegen-Wittgenstein bietet hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten – und das nicht nur für junge Menschen aus Deutschland. Mit diesem Projekt öffnen wir Türen für internationale Talente und entlasten gleichzeitig die Betriebe bei organisatorischen Hürden. Die IHK Siegen wirbt bereits gezielt Auszubildende aus dem Ausland an, um den Unternehmen zusätzliche Chancen zu eröffnen. Die Begleitung durch den Kreis erleichtert den Prozess für die Betriebe erheblich.“

Auch die DAA ist mit an Bord: „Die DAA hat viel Erfahrung und Erfolge bei der Integration von zugewanderten Menschen“, sagt Petra Schlüter-Feld, Gebietsleiterin der DAA in NRW-Süd. Diese Expertise möchte die DAA in das Projekt einbringen. Sie sieht ihre Aufgaben auch darin, ihre Kontakte in die Betriebe zu nutzen und das Projekt bekannt zu machen.

„Das, was hier gerade entsteht, wird ein Meilenstein sein“, ist Jens Hunecke, Geschäftsführer der AWO Siegen-Wittgenstein/Olpe, überzeugt. Als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflege hat er am Forum teilgenommen. Die Wohlfahrtsverbände werden das Projekt mit ihrem Know-how begleiten – und hoffen zugleich, selbst Auszubildende gewinnen zu können, etwa als Erzieherinnen, IT-Fachkräfte oder Köche.

Dass die Gewinnung von Auszubildenden im Ausland gelingen kann, hat der Kreis bereits in Kooperation mit dem Bildungsinstitut für Gesundheitsberufe in Südwestfalen (BiGS) bei der landesweit einzigartigen Internationalen Pflegeschule gezeigt. „Sie zeigt eindrucksvoll, wie die erfolgreiche Gewinnung internationaler Auszubildender funktionieren kann“, betont der Landrat. Seit 2023 werden dort – im Zusammenwirken mit den Trägerkliniken Mariengesellschaft Siegen, DRK-Kinderklinik und Klinikum Siegen – über 100 junge Menschen aus 17 Nationen in der Pflege ausgebildet. Dieses „Leuchtturmprojekt“ wirkt gegen den Fachkräftemangel in der Pflege und gilt als Vorbild für gelungene Integrationsarbeit. „Mit der Internationalen Pflegeschule zeigen wir, wie Ausbildung und Integration Hand in Hand funktionieren können“, so Müller. An diesen Erfolg knüpft der Kreis nun an und überträgt das Konzept auf weitere Branchen.

Kern des neuen Programms ist eine zentrale Koordinierung durch den Kreis. Diese Koordinierungsstelle übernimmt für die beteiligten Ausbildungsbetriebe alle wesentlichen organisatorischen Aufgaben – von der Rekrutierung der Auszubildenden im Ausland über Visa und Anreise bis hin zu Wohnraumversorgung und sozialer Integration. „Die Betriebe können sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren – die Ausbildung. Alles Drumherum wird zentral von uns gemanagt“, erklärt Thomas Wüst, Sozialdezernent des Kreises.

Das ist auch für Harald Görnig, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd, der zentrale Punkt des Kooperationsprojektes: „Die Kreisverwaltung muss für uns Handwerksbetriebe die Bürokratiearbeit leisten. Das ist für uns die größte Hürde. Denn wenn ich das selbst machen muss, habe ich schnell irgendwo in irgendeinem Formular einen Formfehler – und dann habe ich jede Menge Scherereien und Ärger. Das befürchten viele Handwerker zumindest. Und deshalb machen sie solch ein Projekt nicht ohne die Hilfe des Kreises.“

Konkret greift die Koordinierungsstelle bei der Anwerbung der künftigen Azubis auf bewährte Partnerstrukturen in den Herkunftsländern zurück und prüft die individuellen Voraussetzungen der Bewerberinnen und Bewerber. Sie koordiniert alle wesentlichen Aufgaben, wie zum Beispiel:

  • Unterstützung bei Visaverfahren, Überprüfung der gesundheitlichen Eignung, Kommunikation mit Behörden und Botschaften
  • Begrüßung am Flughafen, Transfer zur Unterkunft, psychosoziale Erstbegleitung
  • Unterstützung bei Kontoeröffnung, Abschluss einer Krankenversicherung, Steuer-ID, Sozialversicherungsnummer etc. – alles passend zum Ausbildungsbeginn
  • Begleitung und Koordinierung von Behördengängen, aktive Freizeitgestaltung, ehrenamtliche Aktivitäten, kulturelle Teilhabe, Ansprechpartner für individuelle Anliegen
  • Akquise und Anmietung von WG-tauglichen Wohnungen in der Nähe der Ausbildungsbetriebe; Begleitung beim Einzug sowie Übergabe eines Willkommenspakets mit Informationen zu ÖPNV, Hausarzt, gesundheitlicher Versorgung, Nahversorgung usw.

Zudem stehen Sprachförderung und Prüfungsvorbereitung auf dem Plan, damit die Jugendlichen gut durch die Ausbildung kommen. Nicht zuletzt legen die Partner großen Wert auf soziale Integration: Freizeitangebote, Vereinskontakte, interkulturelle Betreuung und ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen sollen den Neuankömmlingen helfen, in Siegen-Wittgenstein heimisch zu werden. „Es kommen eben nicht nur künftige Arbeitskräfte, sondern Menschen“, betont der Landrat. „Das sollten wir als Gesellschaft aus den Erfahrungen mit den sogenannten Gastarbeitern der 60er Jahre gelernt haben.“

Aus Sicht des Landrates ist dieses umfassende Unterstützungspaket der Schlüssel zum Erfolg des Projekts: „Kleine und mittlere Betriebe würden die internationalen Azubis allein kaum gewinnen und halten können“, so seine Einschätzung. „Durch unsere koordinierte Struktur nehmen wir den Unternehmen diese Hürden ab.“

Beim Forum haben die Beteiligten einen Fahrplan bis August 2026 vereinbart: Bis Januar 2026 werden interessierte Betriebe der Region identifiziert und informiert. Zeitgleich beginnt die Rekrutierung der Auszubildenden im Ausland. In enger Zusammenarbeit der neuen Koordinierungsstelle, den Partnerorganisationen in den Herkunftsländern und insbesondere den Ausbildungsbetrieben werden geeignete und am jeweiligen Ausbildungsberuf interessierte junge Menschen ausgewählt. Im Frühjahr 2026 folgt dann die Visa- und Vorbereitungsphase. „Am 1. August 2026 sollen die ersten internationalen Azubis ihre Ausbildung beginnen. Darauf arbeiten wir jetzt Hand in Hand hin – als verlässliches regionales Bündnis, das gemeinsam Verantwortung übernimmt“, fasst Landrat Müller zusammen.

Der Kreis Siegen-Wittgenstein übernimmt bei diesem Programm eine aktive Vorreiterrolle. Finanziert wird die Umsetzung durch Beiträge der beteiligten Unternehmen und Einrichtungen. „Es hilft nichts, Probleme einfach nur richtig zu beschreiben – man muss auch konkrete Lösungen auf den Weg bringen. Das betone ich immer wieder“, sagt Landrat Andreas Müller. „Und deshalb ist mir die Internationale Ausbildung so wichtig! Wir investieren in die Zukunft unserer Region, bekämpfen aktiv den Fachkräftemangel und schaffen gleichzeitig eine Zukunftsperspektive für junge Menschen – das ist ein echtes Win-Win-Projekt“, so Müller abschließend.