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Datum: 11.07.2025

Ergebnisse der Lebensraumbefragung Siegen-Wittgenstein:
Hohe Lebensqualität, starke Heimatverbundenheit und Chancen für die Zukunft

Die Ergebnisse der Lebensraumbefragung Siegen-Wittgenstein liegen vor: Über 70 Prozent bewerten ihre Lebensqualität im Kreis als „gut“ oder sogar „sehr gut“. Mehr als 80 Prozent äußerten sich zufrieden mit Natur und Landschaft, wobei insbesondere die Waldgebiete und der Rothaarsteig als wertvolle Erholungsräume geschätzt werden.

Wie zufrieden sind die Menschen mit ihrem Leben im Kreis Siegen-Wittgenstein? Was schätzen sie besonders, und wo sehen sie Potenziale für Verbesserungen? Antworten auf diese Fragen liefert jetzt eine umfassende Online-Befragung, die der Kreis Siegen-Wittgenstein in Zusammenarbeit mit der Universität Siegen durchgeführt hat – unter dem Motto „15 Minuten für Siegen-Wittgenstein“. Wissenschaftliche Leiterin war Professorin Dr. Hanna Schramm-Klein. Sie lehrt Betriebswirtschaft mit einem Schwerpunkt auf Marketing und Handel.

1.261 Personen im Alter zwischen 13 und 88 Jahren haben an der Befragung teilgenommen. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre. 48,5% Männer, 51,2% Frauen, 0,3% divers. „Die Datenbasis erfüllt die Kriterien für eine regionale Repräsentativität und bietet damit eine verlässliche Grundlage für strategische Entscheidungen“, betont die Studienleiterin.

Die Ergebnisse zeichnen ein ausgesprochen positives Gesamtbild: Über 70 Prozent bewerten ihre Lebensqualität im Kreis als „gut“ oder sogar „sehr gut“. Besonders heben die Teilnehmer die hohe landschaftliche Qualität und die Natur hervor. Mehr als 80 Prozent äußerten sich zufrieden mit Natur und Landschaft, wobei insbesondere die Waldgebiete und der Rothaarsteig als wertvolle Erholungsräume geschätzt werden.

Landrat Andreas Müller: „Die große Zufriedenheit mit unserer Naturlandschaft unterstreicht, dass die Menschen im Kreis Siegen-Wittgenstein einen starken Bezug zu ihrer Heimat haben. Unsere Natur im waldreichsten Kreis Deutschlands ist nicht nur Lebensraum, sondern auch Identitätsstifter und attraktiver Freizeitort.“

Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft das Heimatgefühl. Zwei Drittel der Befragten fühlen sich eng mit der Region verbunden. Vor allem ältere Menschen und Personen, die schon länger im Kreis leben, sind besonders stark in der Region verwurzelt. Familie und Freunde sind entscheidende Bindungsfaktoren. „Dass sich viele Menschen emotional stark an unsere Region gebunden fühlen, ist eine große Stärke“, sagt Müller. „Es zeigt, wie wichtig persönliche Kontakte und ein intaktes soziales Umfeld für ein positives Lebensgefühl sind.“

Wirtschaftlich empfinden die Befragungsteilnehmer den Kreis als stabil. Viele schätzen die Möglichkeit, wohnortnah zu arbeiten. Gleichzeitig werden Fachkräftemangel und eine schwach ausgeprägte Gründerkultur als Hemmnisse empfunden. Chancen werden vor allem in der Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe und der Unterstützung innovativer Ansätze wie Start-ups gesehen.

Im Bildungsbereich wird die Universität Siegen meist positiv bewertet, vor allem im städtischen Raum. Kritik gibt es an baulichen Zuständen und Ausstattung einzelner Schulen.

Die hausärztliche Versorgung wird weitgehend als gesichert angesehen, bei Fachärzten gibt es unterschiedliche Bedarfe in verschiedenen Regionen des Kreises. Klassische Kulturangebote wie Theater oder Museen sprechen laut Umfrage nur bestimmte Teile der Bevölkerung an. Besonders in kleineren Orten fehle es an Treffpunkten ohne Konsumzwang und niederschwelligen, dezentralen Formaten. Ein vielfach geäußerter Wunsch ist der nach mehr öffentlichen Räumen für Begegnung und Kultur. „Der Wunsch nach öffentlichen, konsumfreien Begegnungsorten zieht sich durch viele Altersgruppen. Diese Räume haben für die soziale Stabilität eine größere Bedeutung, als oft angenommen wird“, sagt Hanna Schramm-Klein.

Besonders in kleineren Orten wird die Vielfalt gastronomischer Angebote als eingeschränkt wahrgenommen. Die Dominanz von Ketten, fehlende Außengastronomie und geringe Aufenthaltsqualität wird kritisch gesehen. In Siegen und Bad Berleburg werden Leerstände in den Innenstädten häufig als Problem benannt.

Die Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs wird dagegen überwiegend positiv bewertet. Der Lebensmitteleinzelhandel ist regelmäßig und flächendeckend erreichbar. Punktuelle Lücken werden etwa bei Apotheken beschrieben. Mobile Bäcker oder Wochenmärkte werden vielerorts als ergänzende Angebote geschätzt.

Ein anderes Bild zeigt sich beim Einzelhandel außerhalb des Grundbedarfs. Bekleidung, Elektronik oder Bücher werden zunehmend online gekauft. In der Folge leiden die Innenstädte unter sinkender Attraktivität, fehlendem Branchenmix und zunehmender Uniformität. Der Wunsch nach individuellem Einzelhandel mit Aufenthaltsqualität wird vielfach formuliert. „Gerade im Einzelhandel zeigt sich, dass die Menschen sich mehr als nur eine funktionierende Versorgung wünschen. Sie suchen Aufenthaltsqualität, Individualität und Vielfalt. Standardlösungen reichen dafür nicht aus, sondern greifen zu kurz, wenn lokale Besonderheiten, echte Zielgruppenbedürfnisse und nutzerzentrierte Ansätze außen vor bleiben“, erklärt Prof. Schramm-Klein.

Der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) wird vielfach kritisch kommentiert: Busse fahren zu selten oder in kleineren Ortschaften gar nicht. Hier wird es allerdings künftig spürbare Verbesserungen geben, sagt Landrat Müller: „Mit dem gerade verabschiedeten neuen Nahverkehrsplan wird die Mobilität ab 2029 durch On-Demand-Angebote deutlich flexibler. Zumal wir erstmals wieder alle Dörfer an den ÖPNV anbinden. Die Nutzung solcher Angebote muss zwar erst gelernt werden, entspricht im Endeffekt aber den Bedarfen der Bürgerinnen und Bürger. Deshalb wollen wir das bereits in den nächsten Jahren mit Modellprojekten in Bad Berleburg und Freudenberg testen.“

Auch die allgemeine Verkehrsinfrastruktur in Siegen-Wittgenstein wird unterdurchschnittlich bewertet. Baustellen, fehlende Radwege und problematische Ampelschaltungen werden regelmäßig als Hindernisse genannt.

Die digitale Infrastruktur wird von vielen zwar als wichtig, aber persönlich nicht prioritär wahrgenommen. Zwar bestehen weiterhin Versorgungslücken im Glasfaser- und Mobilfunkausbau – insbesondere im ländlichen Raum –, doch andere Standortfaktoren wie Natur, Familie oder Arbeitsplätze scheinen für die Teilnehmer der Befragung aktuell relevanter zu sein.

Deutlich wird: Junge Menschen empfinden die Zukunftsperspektiven in Siegen-Wittgenstein weniger positiv als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ihre emotionale Bindung an die Region ist schwächer, oft fehlen berufliche Perspektiven, urbane Freizeitangebote oder ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr. Häufige Abwanderungsgründe sind Studium, Karriere und der Wunsch nach mehr urbanem Umfeld. „Während ältere Befragte stark mit der Region verbunden sind, zeigen Jüngere deutlich mehr Distanz. Es sind also überzeugende Perspektiven erforderlich, z.B. bei Ausbildung, Beruf, Mobilität und Freizeit, damit junge Menschen die Region auch langfristig als Lebensort sehen“, erklärt Studienleiterin Prof. Dr. Hanna Schramm-Klein.

Zusammenfassend hebt Landrat Andreas Müller die Bedeutung der Befragung hervor: „Die Ergebnisse zeigen viele Stärken, auf die wir stolz sein können, und Potenziale, die wir mit großer Zuversicht anpacken werden. Im nächsten Schritt werden wir jetzt konkrete Projektvorschläge ausarbeiten, die wir im Rahmen des Lebensraummanagements dem Kreistag zur Beschlussfassung vorlegen. Ich denke, mit dieser Befragung haben wir dafür eine Grundlage, auf die sich sehr gut aufbauen lässt.“