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Datum: 02.03.2026

Ein Nationalpark am Rothaarkamm zwischen Lützel und Hainchen
Kreis möchte das Thema noch einmal mit Land besprechen

Gibt es doch noch eine Chance für einen Nationalpark am Rothaarkamm? Das soll jetzt noch einmal ausgelotet werden – so zumindest der Vorschlag von Landrat Andreas Müller, den er jetzt in die Kreispolitik einbringt. 

Gibt es doch noch eine Chance für einen Nationalpark am Rothaarkamm? Das soll jetzt noch einmal ausgelotet werden – so zumindest der Vorschlag von Landrat Andreas Müller, den er jetzt in die Kreispolitik einbringt.

Im März 2024 hatte der Kreistag entschieden, sich nicht am damaligen Prozess der Landesregierung zur Einrichtung eines zweiten Nationalparks in NRW zu beteiligen. Dafür gab es vor allem zwei Gründe: die sehr knappe Frist und inhaltlich offene Fragen, die so schnell nicht zu klären waren. Allerdings hatten die Kreistagsfraktionen auch deutlich gemacht, dass sie das Thema nicht endgültig zu den Akten legen, sondern sich später noch einmal in aller Ruhe mit dieser Frage beschäftigen wollten.

In den vergangenen Monaten hat die Kreisverwaltung nun mit dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr (MUNV) des Landes Nordrhein-Westfalen über viele inhaltliche Fragestellungen gesprochen und einen Fahrplan auf dem Weg hin zu einer möglichen Entscheidung über einen Nationalpark erarbeitet.

Landrat Andreas Müller ordnet den vorgesehenen Prozess ein: „Für uns stellt sich die Frage: Wollen wir eine mögliche Unterschutzstellung im Bereich des Rothaarkamms zwischen Lützel und Hainchen als Chance begreifen und mit der Ausweisung eines Nationalparks einen großen Mehrwert für die Regionen schaffen? Ein Nationalpark schafft hochwertige Naherholungsangebote, stärkt Umweltbildung und Naturerleben für Schulen, Familien und Vereine und kann zu einem Leuchtturmprojekt für nachhaltige Regionalentwicklung werden. Für Gäste wie Einheimische ist ein Nationalpark hoch attraktiv. Er zahlt damit auf die Ziele des Lebensraummanagements ein, das wir derzeit entwickeln“, unterstreich der Landrat: „Ein Nationalpark ist eben weit mehr als ein Schutzgebiet. Er ist ein starker Entwicklungsimpuls für unseren ländlichen Raum. Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen, dass Nationalparks nachhaltig Wertschöpfung generieren: durch zusätzlichen, qualitativ hochwertigen Tourismus, durch neue Arbeitsplätze in einem Besucherzentrum, Hotels und Pensionen, Gastronomie, Umweltbildung, Forschung und Rangerwesen. Zudem steigt die Nachfrage nach regionalen Produkten und Dienstleistungen. Direktvermarkter werden unmittelbar profitieren. Ein Nationalpark steigert die bundesweite und internationale Sichtbarkeit unserer Region deutlich – als Marke, als Ausflugsziel und als moderner Lebens- und Wirtschaftsraum, der Natur, Erholung und Innovation verbindet.“

Gerade für eine Industrieregion wie Siegen-Wittgenstein biete ein Nationalpark die Möglichkeit, das eigene Profil zu erweitern, erläutert der Landrat: „Als Region, die nicht nur für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern auch für besondere Landschaften, Klimaanpassung, Biodiversität und zukunftsorientierte Standortqualität steht – ein wichtiger Faktor auch im Wettbewerb um Fachkräfte, junge Familien und neue Investitionen.“

Ein Nationalpark könne zudem einen wichtigen Beitrag zur Klima- und Umweltresilienz der Region leisten, führt der Landrat weiter aus: „Naturnahe, großflächig geschützte Wälder sind wirksame Verbündete im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels: Sie speichern langfristig CO₂, wirken temperaturausgleichend, verbessern die Luftqualität und stabilisieren den regionalen Wasserhaushalt. Intakte Wälder halten Niederschläge zurück, fördern die Grundwasserneubildung und mindern Hochwasser- wie auch Dürrerisiken. Gleichzeitig erhöhen strukturreiche, widerstandsfähige Wälder die ökologische Stabilität gegenüber Stürmen, Hitze und Schädlingsbefall. Ein Nationalpark am Rothaarkamm könnte so zu einem natürlichen Schutzschild werden – für Klima, Wasserressourcen, Biodiversität und damit auch für die langfristige Sicherheit und Lebensqualität in Siegen-Wittgenstein.“

Der mögliche Nationalpark auf dem Rothaarkamm würde grob zwischen Hilchenbach-Lützel und Netphen-Hainchen liegen. Die Kernkulisse sollte nach den damaligen Vorstellungen der Landesregierung eine Fläche von 4.300 ha umfassen, die ausschließlich im Staatswald liegt. Zusätzlich hatte damals die Dieter-Mennekes-Umweltstiftung ihr Interesse und die Bereitschaft erklärt, ein rund 330 ha großes Gebiet in ihrem Besitz ebenfalls in den Nationalpark einzubringen.

Für den Landrat ist klar, dass ein Nationalpark die Entwicklung des Wirtschaftsraumes „Siegen-Wittgenstein“ auf keinen Fall beeinträchtigen darf und auch nicht wird: „Wir sind Industrieregion und werden das auch bleiben!“, betont Müller: „Seit über 2.500 Jahren haben wir hier in der ältesten Montanregion Europas vorgelebt, wie die Erfordernisse der Wirtschaft mit den Bedürfnissen der Natur in Einklang gebracht werden können. Das wird auch durch einen Nationalpark nicht in Frage gestellt“, unterstreicht der Landrat.

So müsste im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der Gebietskulisse z.B. sichergestellt werden, dass der Bau der Route 57 möglich bleibt, genauso wie die Ertüchtigung der L 719 zwischen Walpersdorf und Volkholz.

In insgesamt acht Arbeitsfeldern werden Experten der jeweils relevanten Behörden, Institutionen und Verbände die Grundlagen, Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für einen möglichen Nationalpark bearbeiten. Dabei geht es um die Abgrenzung der Gebietskulisse, einen Nationalparkplan, die Land- und Forstwirtschaft, ein Jagd- und Wildtiermanagement, einen Touristischen Masterplan, die regionale Entwicklung und Verkehrsinfrastruktur, Bildung und Forschung sowie den rechtlichen Rahmen und die Organisation eines Nationalparks.

Darüber hinaus möchte der Landrat ein weiteres Nationalpark-Forum organisieren, um allen interessierten Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich in den Prozess zur Entscheidungsfindung über einen Nationalpark am Rothaarkamm einzubringen.

„Ich finde es auch richtig, einmal in der Eifel nachzufragen, welche Erfahrungen man dort mit der Ausweisung des Nationalparks gemacht hat. Davon werden wir sicherlich Erkenntnisse für unseren eigenen Prozess gewinnen können“, so Müller.

Das Fazit des Landrates: „Ich glaube, wir befinden uns heute in einer anderen Situation als vor zwei Jahren. Zudem konnten wir in Gesprächen mit der Landesregierung schon etliche Knackpunkte zu unserer Zufriedenheit klären. Deshalb lade ich dazu ein, noch einmal neu und offen über einen Nationalpark nachzudenken. Denn der Mehrwert eines Nationalparks kann für uns deutlich größer sein als die möglichen Einschränkungen.“

Der Landrat wird dem Kreistag zu seiner Märzsitzung den aktuellen Arbeitsstand und den möglichen weiteren Fahrplan zur Beratung vorlegen. Dieser entscheidet dann, ob der Kreis die Einrichtung eines Nationalparks weiterverfolgen soll oder das Thema endgültig von der Tagesordnung genommen wird.