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Datum: 03.06.2025

„Dritte Orte“ als zentrale Anlaufstellen in kleinen Dörfern
Landrat Andreas Müller: „Kitas können mehr als ‚nur‘ Betreuungsorte für Kinder sein“

Landrat Andreas Müller möchte ein Konzept zur Entwicklung und Förderung sogenannter „Dritter Orte“ im Kreis Siegen-Wittgenstein erarbeiten. Die Idee: Dörfer brauchen Orte, an denen Menschen einander begegnen – generationenübergreifend, wohnortnah und niedrigschwellig.

Landrat Andreas Müller möchte ein Konzept zur Entwicklung und Förderung sogenannter „Dritter Orte“ im Kreis Siegen-Wittgenstein erarbeiten. Die Idee: Dörfer brauchen Orte, an denen Menschen einander begegnen – generationenübergreifend, wohnortnah und niedrigschwellig. Diese sogenannten „Dritten Orte“ fördern Gemeinschaft, beugen Einsamkeit – auch von Seniorinnen und Senioren – vor und ermöglichen soziale Teilhabe. Das belegen auch Studien zum Beispiel der Körber-Stiftung, des Berlin-Instituts sowie des Sachverständigenrats Ländliche Entwicklung. Dritte Orte sind Treffpunkte im Wohnumfeld – neben dem Zuhause (1. Ort) und dem Arbeitsplatz (2. Ort). Das Projekt ist Teil der Sozialraumplanung des Kreises Siegen-Wittgenstein.

Aus Sicht des Landrates können gerade in kleineren Dörfern bestehende Kindertagesstätten eine wichtige Rolle in diesem Konzept spielen. „Sie sind häufig die letzte noch bestehende öffentliche Infrastruktur“, unterstreicht Andreas Müller: „In Kooperation mit den Dorfgemeinschaften können sie zu einem ‚Dritten Ort‘ weiterentwickelt werden: Durch Elterncafés, Lesepatenschaften, VHS-Angebote oder generationenübergreifende Projekte in Kooperation mit Vereinen, Kirche oder Feuerwehr.“

In den Sozialraumkonferenzen, die der Kreis bisher bereits in zehn Städten und Gemeinden durchgeführt hat, wurde deutlich, dass Kindertagesstätten schon heute unverzichtbare Anlauf- und Vermittlungsstellen sind, an denen Eltern Beratung, Unterstützung und Vernetzung mit weiteren Angeboten erhalten können. Sie sind lebendige soziale Ankerpunkte und stärken den Zusammenhalt vor Ort. Besonders ältere Menschen in kleinen Orten leiden zunehmend unter Einsamkeit – ein Thema, das in den Sozialraumkonferenzen immer wieder genannt wurde. „Dritte Orte“ können dem aktiv entgegenwirken, indem sie generationsübergreifende Begegnungen ermöglichen und das Gefühl von Zugehörigkeit stärken.

Im Zuge der aktuellen Debatte über die geplante Abgabe mehrerer kleiner Kindertagesstätten durch den evangelischen Kirchenkreis, ist die Bedeutung und der Sinn dieser Einrichtungen einmal mehr verstärkt in den Mittelpunkt gerückt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass eingruppige Kindertagesstätten für Träger auf den ersten Blick oft unwirtschaftlich sind: Die Mittel, die das Land für die Kindertagesbetreuung zur Verfügung stellt, reichen für den Betrieb kleiner Kitas nicht aus. Deshalb bevorzugen Träger aufgrund der Systematik des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) in der Regel größere Kitas.

Doch Studien zeigen: Wenn sich staatliche und soziale Infrastruktur aus ländlichen Regionen zurückzieht, steigt das Gefühl von Vernachlässigung – mit dem Risiko, dass sich demokratiefeindliche Haltungen verfestigen. Gerade deshalb sind „Dritte Orte“ wichtig: Sie stärken das Vertrauen in gesellschaftliche Teilhabe und staatliches Engagement vor Ort.

„Mit dem Modell der ‚Dritten Orte‘ möchte ich ein Konzept erarbeiten, mit dem bestehende Kitas in kleinen Orten erhalten und zugleich weiterentwickelt werden können – nicht nur als Bildungsort, sondern auch als offene Treffpunkte für das Dorfleben“, unterstreicht der Landrat: „Damit kann auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieser Kitas verbessert werden.“

Beispiel Kindertagesstätte Zwergenland in Girkhausen

Ein Beispielprojekt könnte die Kita in Girkhausen sein. Der Ort zählt rund 850 Einwohner und liegt etwa 10 km von Bad Berleburg entfernt. Im Dorf gibt es verschiedene Vereine und ehrenamtliche Aktivitäten sowie den Treffpunkt Oster, das ehemalige Gemeindehaus. „Um die bestehenden Strukturen zu ergänzen, könnte die Kindertagesstätte Zwergenland möglicherweise gemeinsam mit dem Treffpunkt Oster zu einem ‚Dritten Ort‘ weiterentwickelt werden, der ein offenes Begegnungsangebot für alle Generationen in Girkhausen bietet“, schlägt der Landrat vor.

Die Kita ist bereits gut vernetzt und hat mit einem Förderverein, dem Elternbeirat und dem Generationenverein im Dorf eine solide Basis für die lokale Gemeinschaft und die Unterstützung der Einrichtung. Die Räumlichkeiten sollten als offener, barrierefreier und niedrigschwelliger Treffpunkt für alle Generationen konzipiert werden, indem sie außerhalb der Betreuungszeiten öffnen, etwa für Elterncafés, Seniorentreffs, Bildungsangebote oder kulturelle Veranstaltungen. Dies entspricht auch den Ideen und Anregungen, die in den Sozialraumkonferenzen vorgeschlagen wurden.

„Eine bereits erfolgreich eingerichtete Krabbelgruppe demonstriert, wie zusätzliche Angebote außerhalb der Kita-Öffnungszeiten erfolgreich implementiert werden können und zeigt das Potenzial für weitere ähnliche Initiativen auf“, betont Jugend- und Sozialdezernent Thomas Wüst und unterstreicht damit den erfolgversprechenden Ansatz.

In der Vorlage, über die der Jugendhilfeausschuss am 17. Juni erstmals beraten wird, schlägt Landrat Andreas Müller vor, tragfähige Rahmenbedingungen, einheitliche Kriterien und geeignete Steuerungsinstrumente zu definieren, mit denen soziale Infrastrukturen als potenzielle „Dritte Orte“ identifiziert werden können. Diese werden den politischen Gremien dann als Grundlage für eine konkrete Umsetzungsentscheidung vorgelegt.