Kreis Siegen-Wittgenstein


März

2. März 2010

„HaLT": Gemeinschaftsprojekt gegen „Komasaufen" in Siegen-Wittgenstein:
Senior-Berater werden Jugendliche nach Alkoholexzessen begleiten

Die Zahl junger Menschen, die bundesweit mit einer akuten Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten, hat sich innerhalb von nur 7 Jahren mehr als verdoppelt. Waren es im Jahr 2000 rund 9.500 Kinder und Jugendliche, mussten im Jahr 2007 bereits über 23.000 Fälle registriert werden. „Auch im Kreis Siegen-Wittgenstein ist dieser Trend zu erkennen. Das ist für uns Grund zur Sorge und Anlass zum schnellen Handeln", so Landrat Paul Breuer.

Deshalb hat der Landrat den Kampf gegen Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen als eine Schwerpunktaufgabe im neu geschaffenen Dezernat für Öffentliche Sicherheit, Ordnung, Verkehr, Gesundheit und Weiterbildung angesiedelt. Gemeinsam mit dem zuständigen Dezernenten Henning Setzer und Chefarzt Prof. Dr. Rainer Burkhard von der DRK Kinderklinik hat Breuer jetzt das Präventions- und Frühinterventionsprojekt „HaLT" vorgestellt. „Wesentlich für das Projekt ist, dass wir alle wichtigen Akteure in Siegen-Wittgenstein mit einbeziehen und so eine umfassende Vorbeuge- und Interventionsarbeit auf verschiedensten Ebenen leisten werden", so der Landrat.

Das Projekt basiert auf zwei Säulen, erläutert Henning Setzer: „Zum einen werden so genannte ‚Senior-Berater’ auf Kinder und Jugendliche zugehen, die mit einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Ihr Ziel ist es, noch am Krankenbett mit den Komasäufern über ihr Trinkverhalten und die Folgen von Alkoholmissbrauch ins Gespräch zu kommen." Gleichzeitig ermuntern die Senior-Berater die Kinder und Jugendlichen nach Rücksprache mit den Eltern, an einem Risikocheck im Rahmen eines Gruppenangebotes teilzunehmen. „Zu diesem Risikocheck können die Betroffenen ein oder zwei Freunde mitbringen, um die Hemmschwelle für ein solches Angebot zu senken und die Verantwortung der Freunde für einander erlebbar zu machen", erläutert Günter Horn von der Fachstelle für Suchtprävention des Kreises.

Die Senior-Berater sind pensionierte Lehr- und Beratungskräfte, die in ihrer beruflichen Laufbahn einschlägige Qualifikationen im Bereich Sucht und Beratung erworben haben, und die sich auch im Ruhestand noch aktiv gesellschaftlich engagieren wollen. „Wir überspringen bei den Senior-Beratern bewusst die Eltern-Generation der Kinder und Jugendlichen, weil die Erfahrung zeigt, dass sie eher bereit sind, sich Personen im Alter der Großeltern-Generation zu öffnen", so Günter Horn.

Die zweite Säule von „HaLT" besteht aus verschiedenen Präventionsmaßnahmen. In der Öffentlichkeit soll für einen maßvollen Umgang mit Alkohol geworben werden. Dabei sollen die Jugendschutzfachkräfte und Ordnungsämter in den Städten und Gemeinden genauso mit einbezogen werden wie Kneipenbesitzer, Einzelhandel, Lehrer oder Jugendgruppenleiter.

„Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Kneipen, Tankstellen oder Lebensmittelgeschäfte einen ‚HaLT’-Aufkleber anbringen und so deutlich machen, dass sie an Kinder und Jugendliche keinen Alkohol verkaufen", sagt Henning Setzer. Aber auch in Vereinen sei es wichtig, dass Trainer und Übungsleiter auch nach Siegen oder Niederlagen einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vorleben.

Rund 65 Kinder und Jugendliche wurden im vergangenen Jahr nach Alkoholexzessen in die DRK-Kinderklinik eingeliefert, die Jüngsten waren erst 12 Jahre alt, berichtet Prof. Rainer Burkhard. Wenn die Eltern ihre Kinder abholen erlebt der Chefarzt der DRK-Kinderklinik gänzlich unterschiedliche Reaktionen: „Manche Eltern sind entsetzt, andere sind peinlich berührt und wollen nur schnell weg, ohne weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unser Ziel ist es aber, die Jugendlichen zu betreuen, wobei uns oft die Hände gebunden sind, wenn die Kinder am nächsten Morgen das Krankenhaus schon wieder verlassen."

Für Prof. Burkhard ist „HaLT" ein Angebot, das passgenau seinen Überlegungen für den Umgang mit jungen Alkoholpatienten entspricht: „Die Senior-Berater haben die Möglichkeit, auch nach dem Krankenhausaufenthalt an den Betroffenen dran zu bleiben und sie in weiter führende Hilfsangebote zu vermitteln. Damit eröffnet sich für Kinder und Jugendliche über die akute Entgiftung hinaus die Chance, sich intensiver mit ihrem Risikoverhalten auseinanderzusetzen."



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