Familienbericht 2007
Familienbericht für den Kreis Siegen-Wittgenstein 2007
Weniger Familien als im Landesdurchschnitt von Armut betroffen - kaum eine Familie will aus Siegen-Wittgenstein wegziehen
„Familien mit Kindern fühlen sich in Siegen-Wittgenstein offenbar sehr wohl. Kaum eine Familie denkt daran, um- oder wegzuziehen. Und wenn, dann nur wegen einer neuen Arbeitsstelle oder um in eine größere Wohnung zu ziehen“. Dieses Fazit zog Landrat Paul Breuer bei der Vorstellung des Familienberichtes für den Kreis Siegen-Wittgenstein 2007. „Diese positive Selbsteinschätzung ist für uns aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil: Auf Basis der Informationen, die der Familienbericht liefert, werden wir jetzt die Ärmel hochkrempeln und anpacken“, so Breuer weiter.
Der Familienbericht 2007 basiert auf einer Familienbefragung, die das Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung (ZEFIR) der Ruhruniversität Bochum im Auftrag des Kreises Siegen-Wittgenstein durchgeführt hat. Im November 2006 wurden 4000 Familien in Siegen-Wittgenstein angeschrieben und gebeten, anonym zu ihrer Wohn- und Lebenssituation Auskunft zu geben. Mit einer Rücklaufquote von fast 45% war die Resonanz auf diese Befragung außerordentlich hoch: Noch nie hatten sich in NRW so viele Familien an einer Befragung dieser Art beteiligt.
„Mit den Ergebnissen des Familienberichts verfügt der Kreis jetzt über eine detaillierte Grundlage zur Erarbeitung der nächsten Entwicklungsschritte zur Positionierung von Siegen-Wittgenstein als attraktiven Arbeits-, Wohn- und Lebensort für Familien mit Kindern. Mit einer zeitgemäßen Familienpolitik wollen wir eine Vorbildstellung als eine der familienfreundlichsten Regionen Deutschlands erreichen“, so Paul Breuer.
In den Jahren von 1995 bis 2005 war Siegen-Wittgenstein neben dem Ennepe-Ruhr-Kreis die Region in Nordrhein-Westfalen, die den stärksten Bevölkerungsrückgang verzeichnen musste. Bis 2025 prognostiziert ZEFIR einen weiteren Bevölkerungsrückgang um rund 9 Prozent, von heute 291.400 auf dann nur noch 264.700. Hintergrund für die Abwanderung in den 90er Jahren war vor allem der massive Arbeitsplatzabbau in der Region, etwa durch die Insolvenz von Philips, so Breuer.
Der Familienbericht belegt, dass in Siegen-Wittgenstein das klassische Familienmodell noch weit verbreitet ist. In der Regel ist der Vater in Vollzeit berufstätig, die Mutter führt den Haushalt und ist höchstens teilzeiterwerbstätig. 40 Prozent aller befragten Familien sagen, dass sie Familie und Beruf „gut miteinander vereinbaren können“, 47% mit „viel Energie und Geschick“ und nur 13% gaben an, Familie und Beruf kaum oder gar nicht miteinander vereinbaren zu können. Vor diesem Hintergrund haben mehr als die Hälfte der befragten Eltern für unter 3-jährige Kinder keinen Bedarf an Betreuungsplätzen angemeldet. Nur 4% haben solch einen Bedarf bisher konkret angemeldet, weitere 11% der Befragten könnten sich vorstellen, einmal solch ein Angebot in Anspruch zu nehmen.
Generell sind für Eltern bei der Auswahl von Kindertageseinrichtungen die wichtigsten Qualitätskriterien „besonders gute Förderung der Kinder“, „liegt in der Nähe der Wohnung“ und „flexible Öffnungszeiten“.
Die Zufriedenheit mit ihrem Wohnumfeld ist bei den Familien in Siegen-Wittgenstein außerordentlich hoch. 75% sind damit „sehr zufrieden“ oder zufrieden“. Familien, die mit ihrem Wohnumfeld unzufrieden sind, gibt es kaum: lediglich 5% der Befragten kamen zu diesem Urteil.
Bei der Lebens- und Einkommenssituation gibt es erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Familien und zwischen den verschiedenen Städten und Gemeinden im Kreisgebiet. Insgesamt sind in Siegen-Wittgenstein weniger Menschen als im Landesdurchschnitt von Armut betroffen. Auch das Armutsrisiko von kinderreichen Familien ist bei uns geringer als im Landesvergleich. 72% Prozent der Familien in Siegen-Wittgenstein gelten laut Definition als „nicht arm“, 13% als armutsnah, 15% müssen laut ZEFIR als arm eingestuft werden. Die meisten „nicht armen“ Familien leben in Netphen, Wilnsdorf und Freudenberg. Die größten Anteile von armen Familien gibt es in Hilchenbach, Burbach, Kreuztal und Erndtebrück.
Arme und armutsnahe Familien haben häufiger einen Migrationshintergrund sowie einen geringeren Bildungsstatus und eine höhere Kinderzahl.
Generell sind Kinder und Jugendliche die am häufigsten von Armut betroffenen Altersgruppen. Kreisweit lebt fast jedes dritte Kind in armen oder armutsnahen Familien. Während in Paarhaushalten mit Kindern lediglich jeder mehr als 10. Haushalt arm ist, ist unter den Alleinerziehenden mit 37% deutlich mehr als ein Drittel von Einkommensarmut betroffen.
Bei Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche wird kreisweit von jeder vierten Familie angeführt, dass Spielplätze für kleinere Kinder fehlen. Große Defizite im Öffentlichen Personennahverkehr sehen vor allem viele Wittgensteiner Familien (fast 75%).
In seinen Ausführungen zu den Ergebnissen der Familienbefragung schlug Landrat Paul Breuer auch einen Bogen zum Familienatlas der Bundesregierung, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Während das Institut Prognos für den Familienatlas nur auf sehr globale Daten zurückgreifen konnte, seien die Informationen aus dem Familienbericht des Kreises wesentlich detaillierter und belastbarer, so Breuer. Auch Annett Schulz und Holger Wunderlich von ZEFIR unterstrichen, dass das vorgenommene Ranking im Familienatlas wenig aussagekräftig und kaum geeignet sei, die kommunale Familienpolitik zu qualifizieren.
Weil Prognos für den Familienatlas nur sehr allgemeine Daten verwenden konnte, möchte Landrat Paul Breuer Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, NRW-Generationenminister Armin Laschet und dem Institut Prognos jetzt auch die Ergebnisse der Familienbefragung des Kreises zur Verfügung stellen. „Wir sind sehr an einer konstruktiven Diskussion über eine zukunftsfähige Familienpolitik interessiert, die sich aber an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientieren muss und nicht nur an allgemeinen statistischen Kennzahlen“, so Breuer.
Download-Dokumente
Familienbericht 2007 (3966 kb)
Expertise zur Familienpolitik im Kreis Siegen-Wittgenstein 2009 (470 kb)
